Rückblick

Im vorhergehenden Beitrag habe ich erste Gedanken zum Thema Agile Kirche notiert. Dabei bin ich kurz auf die vier Leitsätze des Agilen Manifests eingegangen und was diese für Kirche bedeuten können.

Zwölf Agile Prinzipien

Neben diesen vier Leitsätzen gibt es zwölf Prinzipien, die das Ganze mit Leben füllen. Man kann diese auch als agile Werte bezeichnen. Auch hier unternehme ich den Versuch, diese auf Kirche zu übertragen.

Unsere höchste Priorität ist es, den Kunden durch frühe und kontinuierliche Auslieferung wertvoller Software zufrieden zu stellen.

Our highest priority is to satisfy the customer through early and continuous delivery of valuable software.

Wie auch schon im vorangegangenen Post tue ich mich schwer, „Kunde“ in den kirchliche Kontext zu übertragen. Was sich dennoch sagen lässt: Bei allem, was mir machen, warten wir nicht auf die Erreichung eines perfekten Zustandes, den wir dann den anderen präsentieren. Denn die Wahrscheinlichkeit ist recht groß, dass es ohne permanentes Feedback an der Wirklichkeit der anderen vorbeigeht. Für agile Kirche ist es entscheidend, dass wir uns kontinuierlich Rückmeldung geben und einfordern. Aber auch wie wir „extern“ wahrgenommen werden, muss uns wichtig sein und Einfluss auf unsere Arbeit nehmen.

Heiße Anforderungsänderungen selbst spät in der Entwicklung willkommen. Agile Prozesse nutzen Veränderungen zum Wettbewerbsvorteil des Kunden.

Welcome changing requirements, even late in development. Agile processes harness change for the customer’s competitive advantage.

Kirche darf nie den Status der absoluten Selbstzufriedenheit erreichen und sich der ausschließlichen Bequemlichkeit überlassen. Natürlich sind wir auf das Erreichte stolz und Feiern uns und unsere Ziele. Aber wenn wir nur noch das Laufende verwalten, haben wir den Pfad der Agilität verlassen. Und verpassen womöglich die Änderungen, die Gott mit uns vorhat.

Liefere funktionierende Software regelmäßig innerhalb weniger Wochen oder Monate und bevorzuge dabei die kürzere Zeitspanne.

Deliver working software frequently, from a couple of weeks to a couple of months, with a preference to the shorter timescale.

Wo wir können, gehen wir als Kirche iterativ vor. Wir konzipieren, gestalten und experimentieren in kurzen Zeitintervallen. Als Daumenregel: Je unbekannter oder riskanter das Vorhaben, desto kürzer das Intervall.

Fachexperten und Entwickler müssen während des gesamten Prozesses eng zusammenarbeiten.

Business people and developers must work together daily throughout the project.

Als Kirche arbeiten wir in Teams an unseren Projekten. Es gibt nicht diejenigen, die von oben nach unten Aufträge delegieren, die dann „plump“ umgesetzt werden müssen. In einem Team brauchen wir alle Kompetenzen. Und das schließt Verantwortung und Führung mit ein.

Errichte Projekte rund um motivierte Individuen. Gib ihnen das Umfeld und die Unterstützung, die sie benötigen und vertraue darauf, dass sie die Aufgabe erledigen.

Build projects around motivated individuals. Give them the environment and support they need, and trust them to get the job done.

Wie gerade eben beschrieben: Wir arbeiten in Teams, denn wir glauben daran, dass Menschen autonom, kreativ und selbstorganisiert handeln können. Ja, das macht es hier und da etwas diskussionslastiger uns spannungsreicher. Wir wollen aber unsere Leute darin schulen, ihren Handlungsspielraum zu erkennen und auszuüben. Das Team erhält das volle Vertrauen und Rückendeckung.

Die effizienteste und effektivste Methode, Informationen an und innerhalb eines Entwicklungsteams zu übermitteln, ist im Gespräch von Angesicht zu Angesicht.

The most efficient and effective method of conveying information to and within a development team is face-to-face conversation.

Zur Synchronisation, Entscheidungsfindung oder Klärung von Spannung ist persönliche Kommunikation das Mittel der Wahl. Mails und Chats sind schnell rausgehauen, aber oft missverständlich und niemals so wertschätzend wie der direkte Austausch.

Funktionierende Software ist das wichtigste Fortschrittsmaß.

Working software is the primary measure of progress.

Dahinter steckt folgendes Prinzip: Der Projektfortschritt eines Teams wird auf Basis konkreter Ergebnisse bewertet. Dabei ist uns das direkte Feedback (siehe oben) wichtiger als theoretische Abhandlungen oder Studienergebnisse. „Funktionierende Software“ ist dabei kein Synonym für einen perfekten Zustand. Es soll „funktionieren“ und nicht „perfekt“ sein.

Agile Prozesse fördern nachhaltige Entwicklung. Die Auftraggeber, Entwickler und Benutzer sollten ein gleichmäßiges Tempo auf unbegrenzte Zeit halten können.

Agile processes promote sustainable development. The sponsors, developers, and users should be able to maintain a constant pace indefinitely.

Agiles Arbeiten braucht Kontinuität. Agiles Arbeiten kann man nicht einfach in einem Tagesworkshop lernen. Es braucht ständiges und aktives Projektcoaching, damit agile Werte auch gelebt und umgesetzt werden. Das ist eine der vornehmlichen Aufgaben von Führung, auch in einer Kirche, die agil sein will. Es braucht Zeit, um herauszufinden, welches Vorgehen am besten zu einem Team passt. Das wiederum setzt stetiges Ausprobieren und Feinjustieren voraus. Auch hier spielt der offene Dialog eine wichtige Rolle. Und schließlich ist Kontinuität nicht nur Voraussetzung, sondern auch ein Ergebnis agilen Arbeitens. Denn agile Teams haben einen fortlaufenden Output, den sie generieren.

Ständiges Augenmerk auf technische Exzellenz und gutes Design fördert Agilität.

Continuous attention to technical excellence and good design enhances agility.

Mit Herz, Leidenschaft und besten Absichten gehen wir als Kirche unsere Projekte an. Perfektion ist nicht das Ziel. Wir leben eine tolerante Fehlerkultur, in dem wir gerne Dinge ausprobieren und kontinuierlich verbessern. „Probieren“ heißt aber nicht, dass wir kopf- und planlos vorgehen. Unser Anspruch ist es, möglichst nachhaltig zu sein und unnötige Nacharbeiten zu vermeiden. Ein „gutes Design“ bezieht sich nicht nur auf ein Bild oder das User Interface einer Smartphone-Applikation. Es geht auch um das Design von Theologie, Spiritualität, unserer Organisationsform und vieles mehr. Ein gutes Design ist möglichst einfach und vermeidet zu große Abhängigkeiten. Denn diese führen zu einer unerwünschten Komplexität, wo sich Menschen nicht entfalten können.

Einfachheit – die Kunst, die Menge nicht getaner Arbeit zu maximieren – ist essenziell.

Simplicity–the art of maximizing the amount of work not done–is essential.

Wir definieren uns nicht über die Vielzahl an Projekten. Wichtig ist das, was einen Mehrwert schafft. Das gilt es zu ergründen und anzugehen.

Die besten Architekturen, Anforderungen und Entwürfe entstehen durch selbstorganisierte Teams.

The best architectures, requirements, and designs emerge from self-organizing teams.

Wir glauben an die Weisheit und Kraft der Gruppe. Wir setzen dabei auf selbstorganisierte Teams, die nicht von oben geführt und kontrolliert werden. Das macht sicherlich die eine und andere Entscheidungsfindung und Umsetzung etwas herausfordernder, als einfach einer Ansage zu folgen. Da, wo alle ihre Sichtweise und Kompetenz einfließen lassen, kommen tolle Sachen heraus.

In regelmäßigen Abständen reflektiert das Team, wie es effektiver werden kann und passt sein Verhalten entsprechend an.

At regular intervals, the team reflects on how to become more effective, then tunes and adjusts its behavior accordingly.

Immer wieder – also in regelmäßigen Abständen – gehen wir als Kirche und unseren Teams in die Retrospektive. Es wird offen ausgesprochen, was gut und nicht gut ist. Wir bringen Ideen auf den Tisch, was wir anpassen und verbessern können. Dabei vergessen wir nicht, uns gegenseitig Schulterklopfer zu verteilen und uns zu feiern.

Fazit

Auch wenn das Agile Manifest ursprünglich im Kontext der Softwareentwicklung verfasst wurde, lassen sich die Werte und Prinzipien gut auf die grundsätzliche Zusammenarbeit von Teams übertragen. Und so auch auf eine Kirchengemeinde. Dabei ist das Agile Manifest kein Rezept. Es geht hier um eine Art Verhaltenskodex. Es liest sich, auch in meiner Übertragung auf Kirche, fast schon wie selbstverständlich. Dabei steht man in Gefahr, sich nur oberflächlich damit zu beschäftigen und es mit einem „ganz nice“ abzuhaken. Die Herausforderung liegt in einer Transition aller Teammitgliedern, so dass man von einem agilen Mindset sprechen kann. Führung bedeutet für mich, diesen agilen Geist vorzuleben und andere dazu befähigen, die Werte und Prinzipien anzuwenden.

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4 Kommentare

  1. Hey George,
    In einer meiner vielen schlaflosen Nächte, habe ich mir heute Nacht Deine Gedanken zur Agilen Kirche durchgelesen und versucht zu verstehen.
    Ich habe dabei einige Gedanken freien Lauf gelassen und mir sind dabei einige Fragen hochgekommen:

    Ich weiß zur Zeit nicht, ob ich an Gott oder etwas ähnliches glaube oder nicht. Ich verstehe die Kirche als einen Ort bzw. Eine Institution, in der Du als Individuum in Ruhe reflektieren kannst und an Dir selbst arbeiten kannst. Somit wäre für mich das Projekt meine Weiterentwicklung.

    Jetzt ist es ja so, dass es in jedem guten agilen Projektteam unterschiedliche Rollen zu besetzten. Agile Coach, Scrummaster, Productowner,…
    Ich würde mich selbst in meinem Projekt „Meine Weiterentwicklung“ als Productowner sehen. Einen Scrummaster (Event. Einen Priester) bräuchte ich um immer wieder zum „rechten“, was auch immer dieser sein mag, zurückzuführen, bzw. In der Retrospektive zu schauen, wie die letzte Iteration gelaufen ist und meine gesetzten Ziele erreicht wurden.

    Ich finde deine Gedanken interessant und könnte mir wirklich vorstellen, mal wieder nach Kassel zu fahren, um
    Mit einem alten Kollegen bei einem Bierchen die Gedanken weiter kreisen zu lassen. Würde mich freuen, von Dir zu hören.

    Liebe Grüße aus der Pfalz

    Christian

    1. Hey Christian, mega cool, dass du dich hier meldest. Und das mit super spannenden Gedanken. Ja, das wäre großartig, bei einem Bierchen weiter ins Gespräch zu kommen. Melde dich unbedingt, wenn du mal wieder in Nordhessen bist. Freu mich schon darauf!

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